Jedes Jahr im Herbst erreicht mich dieselbe Frage von Journalisten: „Kommt jetzt die große Insolvenzwelle?“ Ich beantworte sie inzwischen mit einer Gegenfrage: Welche Welle meinen Sie – die, die in drei Monaten in der Statistik steht, oder die, die gerade in einem Büro auf einem Schreibtisch liegt, unbeachtet?
Destatis, Creditreform und die Frühindikatoren der Institute veröffentlichen im Herbst ihre Halbjahres- und Quartalszahlen. Die Presse greift das Wort „Welle“ reflexhaft auf, weil es sich gut liest und Dringlichkeit erzeugt. Ich verstehe, warum das Wort funktioniert. Ich halte es trotzdem für die falsche Kategorie, um zu verstehen, was in Wahrheit passiert.
Eine Welle ist ein Naturereignis. Sie kommt, ob man sich vorbereitet oder nicht, und wenn sie kommt, trifft sie alle in einer Region gleichzeitig. Insolvenzen entstehen anders. Sie sind fast nie das Ergebnis eines einzelnen Ereignisses, das über Nacht hereinbricht. Sie sind das Ergebnis eines Prozesses, der Monate, manchmal Jahre vorher beginnt – und der in nahezu jedem Fall Signale sendet, lange bevor irgendetwas in einer Statistik auftaucht. Das Zahlungsziel eines Kunden verschiebt sich um zwei Wochen. Der Kontokorrentrahmen ist dauerhaft ausgereizt, nicht nur in Spitzenzeiten. Eine Rechnung wird beglichen, aber später als vereinbart, und beim nächsten Mal noch später. Das ist keine Welle. Das ist eine Kurve, die man früh erkennen kann, wenn man weiß, wonach man schaut.
Die Nachricht, die in der jährlichen Statistik steckt, ist deshalb selten die Zahl selbst. Sie ist der Zeitpunkt. Ein großer Teil der Unternehmen, die in einem Jahr Insolvenz anmelden, hätte ein Jahr vorher noch reagieren können – mit deutlich mehr Optionen, weniger Druck und ohne die Öffentlichkeit, die ein Insolvenzverfahren zwangsläufig mit sich bringt. Was in der Statistik als plötzliches Ereignis erscheint, war für die Beteiligten selten eine Überraschung. Es war ein Punkt, an dem die Verzögerung selbst zur Entscheidung geworden ist.
Ich sehe in meiner Arbeit ein wiederkehrendes Muster: Unternehmer warten nicht, weil ihnen die Zahlen fehlen. Sie warten, weil sie glauben, die Lage werde sich von selbst normalisieren, sobald ein bestimmter Auftrag kommt, eine bestimmte Zahlung eingeht, eine bestimmte Saison beginnt. Manchmal stimmt das sogar. Häufiger ist es der Wunsch, eine unangenehme Entscheidung um einen Monat zu verschieben – und aus einem Monat werden drei, und aus drei werden neun. Am Ende steht dann tatsächlich eine Zahl in einer Statistik. Aber die Geschichte dahinter beginnt nicht mit dem Bescheid, der sie auslöst, sondern mit dem Moment, in dem jemand ein Signal gesehen und sich entschieden hat, noch zu warten.
Was mich an der „Welle“-Erzählung stört, ist deshalb nicht ihre Dramatik, sondern ihre Wirkung: Sie macht Unternehmer zu Beobachtern eines Geschehens, das über sie hereinbricht, statt sie als Akteure zu sehen, die selbst Zeitpunkte wählen können. Wer glaubt, er stehe vor einer Naturgewalt, sucht Schutz. Wer versteht, dass er in einem Prozess steckt, der Monate dauert, sucht einen früheren Ausstiegspunkt. Der zweite Blick ist unbequemer, weil er Verantwortung zurückgibt. Er ist aber auch der einzige, der tatsächlich etwas verändert.
Was heißt das konkret, wenn Sie diese Schlagzeile in den nächsten Wochen wieder lesen? Nicht: Angst haben. Sondern: die eigene Kurve anschauen, bevor jemand anderes es für Sie tut – die Bank, das Finanzamt, ein Gläubiger. Zahlungsziele, Kontokorrentnutzung, Mahnstufen, Liquidität für die nächsten drei Monate. Wenn diese Zahlen ruhig aussehen, ist die Schlagzeile für Sie nur eine Randnotiz. Wenn eine davon Sie nervös macht, ist genau jetzt der Zeitpunkt, an dem sich noch etwas gestalten lässt – nicht in drei Monaten, wenn die nächste Statistik erscheint.