Ulrich Kammerer
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Haltung

Warum ich aufgehört habe, „Retter“ genannt zu werden

Wer sich zum Retter macht, macht sich zum Helden – und nimmt dem Unternehmer die eigene Geschichte weg. Ich will lieber der sein, der früh genug etwas sagt.

Ulrich Kammerer26. September 20263 Min. Lesezeit

Ein Unternehmer hat mich vor einiger Zeit am Telefon „meinen Retter“ genannt. Dankbar, fast erleichtert. Ich habe mich in dem Moment nicht gefreut. Ich habe mich unwohl gefühlt. Und ich habe lange gebraucht, um zu verstehen, warum.

Auf meiner alten Website stand jahrelang „Der Unternehmerretter“. Ich habe den Satz selbst freigegeben, ich habe ihn sogar gemocht. Er hat funktioniert: Er hat Menschen in Not schnell erreicht, er hat gesagt, wofür ich stehe, in drei Worten. Aber je öfter ich ihn gehört habe, desto klarer wurde mir, was er über mich sagt – und was er über den Unternehmer sagt, der mich anruft.

Ein Retter braucht ein Unglück. Ohne Schiffbruch kein Rettungsboot, ohne Ertrinkenden kein Held. Das klingt zunächst nicht schlimm – bis man sich fragt, wer in dieser Geschichte die Hauptrolle spielt. Der Retter. Nicht der Unternehmer. Der Unternehmer wird zur Nebenfigur seiner eigenen Krise, zu jemandem, der gerettet werden musste, statt zu jemandem, der etwas geleistet hat. Das ist kein kleiner Unterschied. Das entscheidet darüber, mit welcher Geschichte ein Mensch aus so einer Zeit herausgeht: „Ich wurde gerettet“ oder „Ich habe das geschafft.“

Ich habe selbst 1998 meine Firma verloren. Ich weiß, wie sich die Nächte anfühlen, in denen man rechnet, obwohl man weiß, dass sich die Zahlen nicht ändern, egal wie oft man sie addiert. Was mich damals am meisten geärgert hat, war nicht die Insolvenz selbst. Es war, dass mir niemand früher gesagt hat, dass es diesen Punkt gibt, an dem sich noch etwas entscheiden lässt – und dass ich ihn längst hinter mir hatte, als ich endlich hingeschaut habe. Kein Mensch hat mir das erklärt, weil kaum jemand darüber redet, solange es noch nicht brennt.

Genau da hat sich meine Rolle verschoben. Ich will nicht mehr der sein, der kommt, wenn das Schiff schon sinkt und nur noch ein Rettungsboot bleibt. Ich will der sein, der vorher an Bord kommt und sagt: Da vorne ist ein Riff, das man von der Brücke aus noch nicht sieht, aber ich kenne die Karte. Das ist ein anderer Beruf. Ein Retter zieht heraus, was schon im Wasser liegt. Ein Lehrer der Früherkennung sorgt dafür, dass gar nicht erst jemand hineinfällt – oder dass er selbst weiß, wie er wieder herausschwimmt, wenn es doch passiert.

Der Unterschied zeigt sich am deutlichsten in dem, was am Ende bleibt. Bei einer Rettung bleibt Dankbarkeit gegenüber demjenigen, der geholfen hat. Bei guter Früherkennung bleibt etwas anderes: die Erfahrung, selbst gehandelt zu haben, bevor es zu spät war. Der Unternehmer trägt am Ende sein eigenes Verdienst nach Hause, nicht meins. Genau das ist mein Ziel, wenn ich mit jemandem arbeite – nicht, dass er hinterher von mir erzählt, sondern dass er hinterher anders auf seine eigenen Zahlen schaut.

Das heißt nicht, dass ich weniger tue. Ich sitze weiterhin mit Unternehmern zusammen, die mitten in der Krise stecken, für die es an diesem Punkt tatsächlich um ein Rettungsboot geht. Diese Arbeit hört nicht auf, nur weil ich das Wort „Retter“ nicht mehr benutze. Aber ich will, dass die meisten Menschen mich lange vorher treffen – nicht in der Nacht, in der die Entscheidung schon fast gefallen ist, sondern in der Woche, in der noch fünf Wege offenstehen statt einem.

Deshalb ist dieser Beitrag der erste in dieser Rubrik. Er sagt, wofür „Meinung“ hier steht: Beobachtungen aus meiner Arbeit, ohne Heldengeschichte, ohne Übertreibung dessen, was ein einzelnes Gespräch bewirken kann. Wenn Sie hier weiterlesen, werden Sie mich selten „retten“ sehen. Sie werden mich vor allem erklären sehen, warnen sehen, manchmal widersprechen sehen. Das ist die Arbeit, die ich für wichtiger halte.

Wenn Sie gerade an dem Punkt stehen, an dem Sie sich fragen, ob bei Ihnen noch Zeit ist oder schon nicht mehr: Ein Orientierungsgespräch klärt genau das, ohne dass daraus automatisch mehr wird.

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